Alles sah tot und verlassen aus, so weit das Auge
reichte, und auch die Tankstelle, an der sie angehalten hatten,
wirkte, als hätte man sie vor langer Zeit aufgegeben.
Christopher beobachtete ein Insekt, das sich durch den Sand
schleppte. Es sah aus wie ein Skorpion, und es war unterwegs
in die Wüste.
»Ist hier überhaupt jemand?«, fragte er.
Kyle war damit beschäftigt, sein Bargeld durchzuzählen. Er
steckte seiner Schwester zwei Scheine zu; Christopher konnte
nicht erkennen, was für welche. Diese Dollarscheine sahen in
seinen Augen alle gleich aus. »Bringt auch eine Zeitung mit«,
sagte Kyle. »Den Nevada Herald, wenn sie den haben. Sonst eine
andere.«

Christopher ließ sich tiefer in den Rücksitz sinken, der so
weich war, dass einem irgendwann alles wehtat. »Es ist wahrscheinlich
besser, ich bleibe im Wagen«, meinte er.
Jetzt drehte sich Kyle zu ihm um. Eine wulstige Narbe zierte
seine Stirn, verlief von der Mitte seiner rechten Augenbraue
fast senkrecht nach oben. Wenn er sich ärgerte, färbte sie sich
an den Rändern rötlich. So wie jetzt. »Blödsinn«, sagte er. »Ihr geht jetzt da beide rein, solange ich
tanke, und du suchst dir was zum Essen und Trinken aus. Du
wirst es brauchen, glaub mir. Es dauert noch verdammt lange,
bis wir da sind.«
Christopher wollte etwas sagen, aber Kyle unterbrach ihn
mit einer unwirschen Handbewegung. »Entspann dich, Chris,
okay? Hier kennt dich niemand. Und selbst wenn, würde dich
niemand verraten. Nicht hier.«
»Ich hab nicht Angst, dass mich jemand verrät«, sagte Christopher.
»Umso besser«, erwiderte Kyle und stieg aus, genauso wie
Serenity. Zögernd öffnete Christopher die Tür auf seiner Seite
und folgte ihr.
Es tat gut, sich ein bisschen zu bewegen. Das auf jeden Fall.
Der Boden bestand nur aus trockener, festgestampfter Erde.
An den beiden Zapfsäulen war die meiste Farbe bereits abgeplatzt,
von der Hitze und der Sonne vermutlich, aber das Metall
darunter zeigte keine Spur von Rost: Dazu war es hier,
mitten in der Wüste von Nevada, schlicht zu trocken.
In einiger Entfernung stand der Mast einer Mobilfunkantenne.
Aber Überwachungskameras waren keine zu sehen.
Serenity stieß die Tür zum Drugstore auf, mit einer heftigeren
Bewegung, als nötig gewesen wäre. Und sie wartete nicht
auf ihn, ließ die Tür hinter sich einfach wieder zufallen, ohne
sich darum zu kümmern, ob Christopher nachkam oder nicht.
Drinnen war alles eng, vollgestopft und staubig. Jedes Mal
wenn man die Tür öffnete, drang etwas von dem feinen Wüstensand
herein, und offenbar machte sich niemand die Mühe, ihn wieder hinauszubefördern. Auch aufzuräumen, hielt niemand
für nötig; die Regale reichten in dem winzigen Raum bis
zur Decke, und in ihnen stapelten sich Chips, Süßigkeiten und
Autozubehörteile aller Art. Christopher griff nach einer Tüte
bunter Kaubonbons in Form von Dinosauriern. Aus der Nähe
betrachtet wirkten die Saurier seltsam klebrig. Er drehte die
Tüte um. Haltbar bis September 2008. Abgelaufen war da gar
kein Ausdruck mehr.
Angewidert legte er die Tüte zurück. Die Frau, die hinter der
Kassentheke saß, würdigte sie keines Blickes. Sie verfolgte eine
von ständigem, aufdringlich wirkendem Gelächter durchsetzte
Show auf einem uralten kleinen Fernseher, und so lasch,
wie sie dasaß, hätte Christopher jede Wette gehalten, dass sie
bis eben einfach nur gedöst hatte. Es war fast Mittag, und die
klapprige Klimaanlage kam gegen die Hitze kaum noch an. Er
trat neben Serenity, die vor dem Kühlregal mit den Getränken
und den Sandwiches stand, in einigermaßen angenehmer
Kühle.
»Man kann sich auch zu wichtig nehmen, weißt du?«, sagte
sie, ohne ihn anzusehen.
»Meinst du mich?«, fragte Christopher.
Sie machte eine knappe, ärgerlich wirkende Handbewegung.
»Ja, ich geb’s zu. Ich fand das zuerst ziemlich cool, dieses ›Die
ganze Welt ist hinter mir her‹-Ding. Aber ehrlich gesagt, auf
die Dauer nervt es.«
Christopher blickte sich um. Vielleicht hatte sie ja recht. Das
sah alles wirklich ziemlich aus wie der Arsch der Welt; man
musste sich regelrecht wundern, dass es hier überhaupt elektrischen Strom gab. Was auch immer gerade an weltbewegenden
Dingen geschehen mochte, an diesem Ort waren sie wahrscheinlich
so weit davon entfernt wie nur irgend möglich.
»Tut mir leid«, sagte er.
Sie warf ihm einen versöhnlichen Blick aus ihren bernsteinfarbenen
Augen zu. »Relax einfach. Wir sind bald da. Du
machst dir entschieden zu viele Sorgen.«
Relaxen? Das war leichter gesagt als getan. Die Zeit, als er
sich keine Sorgen gemacht hatte – seine Kindheit, sozusagen
–, lag so lange zurück, dass er sich kaum noch daran erinnerte,
wie sich das angefühlt hatte. Dagegen erinnerte er
sich noch gut daran, wie sich der Tastendruck angefühlt
hatte, mit dem er diese Zeit beendet hatte, schnell und unwiederbringlich.
Wie sein Zeigefinger noch einen Moment
über der Entertaste geschwebt war und er sich gefragt hatte,
ob er das wirklich tun sollte, und wie es dann trocken Klick
gemacht hatte, als er die Taste gedrückt und den Computervirus,
der ihn berühmt machen sollte, auf die Reise geschickt
hatte.
Oder besser gesagt: berüchtigt. Seither nannte man ihn
Computer Kid, und diesen bescheuerten Namen würde er wohl
nie wieder loswerden.
Und die, die ihn für den besten Hacker der Welt hielten, ahnten
nicht, wie recht sie damit hatten.
Und was alles davon abhing.
»Ich hoffe, dass wenigstens die Sandwiches einigermaßen
frisch sind«, raunte ihm Serenity zu, zwei in furchtbar viel
Frischhaltefolie gewickelte belegte Brote in der Hand. Das Etikett versprach es, aber was bewies ein Etikett schon?
Christopher wählte ein Brot mit Salami. Nicht, weil ihm Salami
besonders schmeckte, sondern, weil man damit wahrscheinlich
am wenigsten falsch machen konnte. Außerdem
zog er eine große Flasche Limonade mit Cranberry-Geschmack
aus dem Kühlfach.
»Ich hab Kekse gefunden, die erst ein Jahr abgelaufen sind«,
sagte Serenity. »Bei Keksen wird das nicht so schlimm sein,
oder? Die können höchstens weich werden.«
Christopher nickte. »Denk ich auch.«
Sie gingen zur Kasse. In die Frau kam Bewegung, aber eher
unwillig, so, als wäre es ihr lieber gewesen, sie wären, ohne etwas
zu kaufen, wieder gegangen. Das Piepen des Kassenscanners
klang erkältet, und die Beträge, die auf dem kleinen Bildschirm
erschienen, schienen schief zu stehen.
»Die Zeitung!«, fiel Serenity ein.
Christopher ging die Zeitungen durch, die direkt vor der
Kasse aufgefächert auslagen. Eine Ausgabe des Nevada Herald
war dabei: die Ausgabe vom Vortag.
»Das ist okay«, meinte Serenity, als Christopher auf das Datum
zeigte. »Aktueller sind die hier nicht.«
Christopher hob die anderen Zeitungen ein Stück hoch, zog
den Nevada Herald heraus. Darunter kam ein kleines Kästchen
zum Vorschein, das einen hellen Ton wie von einer Glocke von
sich gab, als Christophers Finger über die kleine gläserne Scheibe
auf der Oberseite glitt, die im nächsten Moment rot aufleuchtete.
Ein heißer Schreck durchzuckte ihn. Ein Fingerabdruckscanner! Er sah die Frau hinter der Kasse an, die ihn mit gefurchter
Stirn musterte. »Ist der angeschlossen?«, rief er.
Sie schien nicht zu verstehen, was er meinte. »Angeschlossen?
«
Er hob das Kästchen hoch. Die Signallampe leuchtete immer
noch rot, was alles Mögliche bedeuten konnte. »Das hier. Ist
das angeschlossen?«
»Chris!«, sagte Serenity. »Mach keinen Stress.«
Die Frau machte eine wegwerfende Handbewegung. »Hier
hat noch nie jemand mit Fingerabdruck bezahlt. Das Ding ist
bloß da, weil’s Vorschrift ist.«
Christopher spürte auf einmal einen dicken Kloß in seinem
Magen. Seine Gedanken rasten, seine Hände folgten dem Anschlusskabel.
Vielleicht war es nicht eingesteckt. Vielleicht
hieß das rote Licht, dass es keine Verbindung ins Netz fand...
In diesem Moment wurde das Signallicht grün, der Betrag,
den die Kasse anzeigte, sprang auf $ 0,00, und darunter erschien
die Anzeige »Bezahlt«.
»Raus hier!«, schrie Chris und packte Serenity am Arm.
»Weg!«
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